Der Weidliche Weber
Die Trauerweide
neigt sich im Wind.
Darunter steht traurig
und einsam
ein Kind.
Noch steht es auf Zehen,
streckt hoch seinen Arm.
Endlich kann’s sehen
den grossen Harm.
Tut es ihm leid.
Ist ja kein Saum mehr am Weidenkleid.
“Hab mir nichts dabei gedacht,
mich nur geschmueckt mit deiner Pracht
tagein – tagaus.”
Die Weide sagt, “Du wusstest es nicht. Ich werd’ dir vergeben. Mach dir nichts draus.”
Was ich da hoer mag Donner sein.
“Jetzt welkt dein Gruenes an meinem Arm.
Bist du, Trauerweide, so arm wie mein Arm,
Girlanden zerfranst und zerrissen.”
Nach vielen Jahren in der Ferne
bricht’s Kind in der Frau voller Wissen
ein einziges Zweiglein.
Die Weide leid’t’s gerne.
“Ums Handgelenk artig gewunden,
schlangenartig gebunden,
wieder Weide umarmen wir uns.
Dein Arm um meinen gewand,
sind miteinander verwandt,
Urzell und Weidenwurzel.”
Unwetter braut.
Donner grault laut.
Der Blitz schlaegt ein.
Wie kann das sein?
Geblendet und blind
stehn Frau und Kind.
Zeit trennt – Zeit verbind’t.
Der erste Tropfen faellt ganz sacht,
dann regnet es die ganze Nacht.
Es weint ein Himmel, weint ein Gott.
All das im Namen der Liebe?
Welch Wahnsinn, welch grausamer Spott!
“Mea culpa, maxima culpa!”
Die Frau schlaegt sich die Brust:
“Der Weide Schoenheit stahlen wir
in Eitelkeit und Lust.
Kein Wunder, dass der Blitz kam
und schlug uns alle tot,
oh, Roeslein,
Roeslein,
Roeslein rot,
Roeslein auf der Heiden;
wir konnten’s nicht vermeiden.
Wir trennten uns in Teile,
in Frau und Mann und Kind
und haben ganz vergessen,
dass wir ein Ganzes sind.”
Es spricht das Roeslein rot:
“Hier sind wir alle tot;
das heisst, in diesem Zeitpunkt.
Und das ist uns’re Not.
Es gibt nur einen Zeitpunkt,
der ist so gross wie klein,
dass keiner den Punkt finden kann,
nicht mal der Punkt allein.
Waer’ ich ein Punkt,”
das Roeslein weiterspricht,
“dann lebte ich und lebte nicht.
Das heisst, ich nehm’ das an.
Nur wenn ich’s annehm,
ist es dann.
Will’s nicht vor mir verstecken
in eins, zwei, drei, vier Ecken.
Puenktchen, Puenktchen, Komma, Strich,
fertig ist das Mondgesicht.
Sonne, Mond und Sternenzelt,
Himmel, Erd, die ganze Welt
treffen sich bei mir im Traum
zur rechten Zeit.
Ich glaub es kaum!”
Roeslein’s Zeitpunkt ist gekommen.
Vom eig’nen Duft ist’s nicht benommen:
“Soll ich denn das Roeslein sein,
das den Knab will stechen,
will ich auch der Knabe sein,
das Roeslein nimmer brechen.”
Wied’rum kommt der Wind und singt:
“So baut man hier, dass es gelingt.
Das Kind ist die Windsbraut,
die Braut des Baumes,
die Frau ist die Kindsbraut,
die Braut des Traumes.
So wird hier gebaut.
So braut man die Braut,
wirst du Mensch
mit allem vertraut.”
Weide denkt,
es ist hoechste Zeit;
und Hoffnung schwillt Weidenwogen.
Die streicheln den bebenden Arm der Frau.
Frau, Kind und Weide sind eins im Sinn.
Da schwinden Zeiten und Orte dahin.
Der Gott der Zeiten
sieht Zeiten und Weiten
nebst Frau, Kind und Weide
und Roeslein rot,
und alle Tierlein in grosser Not,
als Malerpinsel,
die er erfunden,
sein Weltbild zu mal’n
in erfundenen Stunden.
Ja, wie denn?
Mit Worten.
Und mit Gedanken.
Stunden haben zu lange gestanden.
Gedanken fliegen, ohne zu landen.
Das Bild bild’t sich ein, es ist zu klein.
Doch ist’s ja so gross! Wie kann das sein?
Wer kann es erfassen?
Wie soll denn das alles in’ Rahmen ‘nein passen?
Das Roeslein sagt:
“Jetzt wag’ ich es.
Im Zeitpunkt streb’ und sterbe ich.
Und was ich denke geht sogleich
durch der Menschheit Seelenreich.
Da sind wir ja all’ mit einander verbunden
in uns’ren erfundenen Orten und Stunden.”
Das Roeslein kommt zur Erde nieder.
Als Punkt im All find’t es sich wieder.
Es freu’n sich Erde, Meere, Wind.
Es wird ganz licht ums Erdenkind.
Drauf hat es gewartet –
es war wie im Traum.
Im Gruenen pflanzt es einen Baum.
Der Mensch gehoert ins All hinein.
Als Weber webt er sich mit ein,
sodass, was er tut fuer Natur und Welt,
ihn ebenfalls ernaehrt und haelt
sein ganzes Leben.
Doch wollen muss man.
Ohne Wolle kein Weben.
Drum ist freier Wille freigebig gegeben,
dass Weber und Webers Weber
koenn’ weben.
Eine Ballade zum Tag der Erde am 22. April 1990
von Ute Kaboolian